Birgit Jürgenssen: Eine Pionierin der feministischen Körperkunst
Birgit Jürgenssen (1949 – 2003) war eine österreichische Fotografin, Malerin, Grafikerin, Kuratorin und Lehrerin, die sich auf feminine Körperkunst mit Selbstporträts und Fotoreihen spezialisierte. Sie entstieg der Wiener Avantgardeszene der späten 1960er und frühen 1970er Jahre, einer Ära, die von intensiven Debatten über Geschlechterrollen und künstlerische Ausdrucksformen geprägt war. Ihr Werk zeichnet sich durch eine kompromisslose Untersuchung weiblicher Subjektivität und die Kritik gesellschaftlicher Beschränkungen aus – Themen, die bis heute sowohl zeitgenössische Künstler als auch Wissenschaftler gleichermaßen bewegen.
- Frühes Leben und Ausbildung:
Geboren 1949 in Wien, Österreich, absolvierte Jürgenssen zwischen 1968 und 1971 ihre künstlerische Ausbildung an der Universität für angewandte Künste Wien. Diese formative Periode brachte sie mit einflussreichen Persönlichkeiten des Wiener Kunstdiskurses in Kontakt und festigte ihr Bestreben, konventionelle Perspektiven herauszufordern.
- Die Magna Feminismus Ausstellung:
Ihr Durchbruch gelang 1975 mit der Teilnahme an der Ausstellung *MAGNA-Feminismus: Kunst und Kreativität*, die von Valie Export organisiert wurde. Dieses wegweisende Ereignis präsentierte eine vielfältige Auswahl feministischer Kunstwerke, und Jürgenssens Fotografie *Hausfrauen-Küchenschürze*, die eine Skulptur einer Schürze in Form eines Ofens zeigt – eine bewusste Umkehrung häuslicher Ikonografie – etablierte sie sofort als mutige Innovatorin.
Künstlerischer Stil und wiederkehrende Themen
Jürgenssens künstlerischer Stil war durch akribische Detailgenauigkeit und psychologische Tiefe gekennzeichnet. Sie nutzte die Fotografie in großem Umfang und kombinierte sie oft mit Zeichnung und Skulptur, um vielschichtige Kunstwerke zu schaffen, welche die Komplexität weiblicher Erfahrung hinterfragten. Ihre wiederkehrenden Motive – der durch verschiedene Medien transformierte weibliche Körper – dienten als Medium, um Fragen von Identität, Verletzlichkeit und Widerstand zu konfrontieren. Bemerkenswert ist, dass ihre Selbstporträts häufig Frauen zeigten, die mit Pelzen oder Masken geschmückt waren, was den Versuch symbolisierte, oppressiven gesellschaftlichen Codes zu entkommen und instinktive Urkräfte anzunehmen. Das Bild *I Want Out Of Here!*, entstanden 1976, vermittelte eindringlich das Gefühl der Gefangenschaft – eine zentrale Besessenheit in ihrem gesamten Schaffen.
- Bedeutende Werke:
Zu ihren am meisten gefeierten Arbeiten gehören *10 Tage – 100 Fotos* (1980), eine Serie, die das tägliche Leben von Frauen in Wien dokumentiert, sowie *Unbekannt (Selbst mit kleinem Pelz)* (1974–77), welches ihre Faszination für die Erforschung weiblicher Verletzlichkeit durch symbolische Bildsprache exemplarisch verdeutlicht. Ihre Skulpturen, wie etwa *Nest* (1979/2002) – ein akribisch gefertigtes Stück, das ein mit zwei Eiern gefülltes Nest zeigt – unterstrichen zusätzlich ihr Engagement, gesellschaftliche Erwartungen in Bezug auf Mutterschaft und Weiblichkeit zu thematisieren.
Lehre und kuratorische Beiträge
Jürgenssens Einfluss erstreckte sich weit über ihre eigene künstlerische Praxis hinaus. Als Dozentin und Kuratorin an der Universität für angewandte Künste Wien und der Akademie der bildenden Künste Wien förderte sie eine neue Generation von Künstlern, die sich für feministische Perspektiven interessierten. Ihr Nachlass – verwaltet von Hubert Winter – umfasst eine gewaltige Sammlung von Zeichnungen, Aquarellen, Fotogrammen, Siebdrucken, Solargrafiken und Objekten aus verschiedenen Sammlungen – ein Zeugnis ihrer produktiven Kreativität und intellektuellen Neugier.
Vermächtnis und Anerkennung
Birgit Jürgenssens fotografisches Werk umfasste 250 Arbeiten und wurde in einer Retrospektive der Sammlung Verbund und des Bank Austria Art Forum gezeigt. Ihr Beitrag zur feministischen Kunst wurde als „herausragende internationale Repräsentanz der feministischen Avantgarde“ anerkannt, was ihren Platz in der Geschichte der zeitgenössischen Kunst festigte. Ihr Vermächtnis inspiriert weiterhin Künstler und Gelehrte, die sich mit Fragen von Geschlecht, Identität und künstlerischem Ausdruck auseinandersetzen – ein Beweis für die dauerhafte Kraft ihrer kompromisslosen Vision.